Während des Lockdowns im Frühling 2020 waren von häuslicher Gewalt betroffene Frauen doppelt gefordert: Welcher Weg wäre der richtige, um ihr Leben und das ihrer Kinder zu schützen? - Erfahrungen aus der Region Biel.

Bleiben Sie zuhause – Retten Sie Leben! Dieser Slogan wurde in diesem Frühling und Herbst europaweit verbreitet, um die Corona-Pandemie einzudämmen. Wer trotzdem das Haus verliess, galt als egoistische Person, welche andere gefährdet. Aber wie sollte man sich und andere schützen, wenn er oder sie zuhause häusliche Gewalt erlebte?

 

Das einsame Haus auf dem Plakat von Mathieu Persan (siehe Illustration), versinnbildlicht auch die Einsamkeit von Menschen, welche Opfer von häuslicher Gewalt werden. Wie bitte soll man als Betroffene Hilfe finden, während die ganze Bevölkerung sich in den Häusern verkriecht, die Strassen leergefegt sind, die öffentliche Verwaltung praktisch stillgelegt ist? Wie soll man in diesem Moment den Mut haben, den Ort zu verlassen, der einem im Moment von aussen als einzig sicherer angepriesen wird, um an einem unbekannten Ort Schutz vor der Gewalt zu suchen?

 persan© Mathieu Persan L’affiche de Mathieu PersanIn den ersten Tagen des Lockdowns im Frühling blieben die Telefonleitungen bei Solidarité femmes in Biel stumm. Auch wenn die Anfragen im Laufe des Aprils wieder anstiegen und im Juni einen Höhepunkt erreichten, sorgten sich die Mitarbeiterinnen vorerst sehr ob der rückläufigen Anrufe. Die Herausforderung war also, auf jeden Fall erreichbar zu bleiben, sei es per Telefon oder per Post. Letztlich fanden die Frauen trotz der widrigen Umstände und mit etwas erfinderischem Reichtum Wege, wie sie uns kontaktieren konnten, zum Beispiel, indem sie ihren Peinigern vorgaben, einen Spaziergang machen zu wollen.

 

Von der Gewalt zur Vorsicht

Manche Frauen riefen einfach an, um einen ersten Kontakt herzustellen und sich präventiv zu informieren, wie ein Verlassen des Zuhauses möglich wäre. Andere waren weiterhin so sehr von Gewalt betroffen bis hin zu körperlichen Verletzungen, dass sie es wagten, heimlich ihre Wohnung zu verlassen. Nur aussergewöhnlich zögerlich konnten sich manche Frauen mit ihren Kindern auf den Aufenthalt im Frauenhaus einlassen. Der Ehemann hatte unter Umständen seine Arbeit verloren, er war plötzlich während 24 Stunden zuhause, seine Stimmung wurde schlechter, die Spannungen in der Beziehung nahmen zu, bis er Gewalt anwendete, einmal mehr. Dann kam die Phase des Bereuens, der Erklärungen, der Entschuldigungen und Versprechen. Die betroffenen Frauen wissen, dass, wenn sie sich zum Entscheid durchringen können, ihr Zuhause zu verlassen, sich ein neues Leben aufbauen müssen. Aber durch die Pandemie wurde alles anders, es schien unmöglich, Stabilität zu finden in einer destabilisierten Welt. Manche entschieden sich also nach einer Flucht, nachhause zurückzukehren, in der Annahme, dies sei derzeit klüger.

Die meisten Bewohnerinnen beschrieben die Zeit des Lockdowns als schwierig oder zumindest kompliziert. Tatsächlich bedeuteten die dadurch verursachten einschneidenden Veränderungen eine zusätzliche Herausforderung für die Frauen, deren Alltag ohnehin schon von permanentem Stress und einer grossen Erschöpfung geprägt war.

Ihre Partner waren neu im Home Office tätig oder vorübergehend arbeitslos. So verschwanden die Zeitfenster der berufsbedingten Abwesenheiten der Männer, welche den Frauen bisher Verschnaufpausen von der erlebten Gewalt gewährten. Im Gegenteil, die Partner konnten nun die totale Kontrolle übernehmen. Viele Klientinnen berichteten, dass sie, aus Angst, der Partner könne von einem Moment auf den anderen ausrasten und zuschlagen, alles machten, um einen Streit zu vermeiden. Allerdings reichte oft ein kleines Wort zu viel oder das Anschalten des Fernsehers im falschen Moment, damit er zuschlug. So wurde die Zeit des Lockdown für viele unserer Klientinnen, welche mit einem gewalttätigen Mann zusammenlebten, noch schwieriger als ohnehin schon, erst recht, wenn auch noch schulpflichtige Kinder im Haushalt lebten, die es ebenfalls zu betreuen und zu beschäftigen galt.

 

Die Bedürfnisse der Kinder kommen an erster Stelle

Am 13. März 2020 entschied der Bundesrat, die Schulen zu schliessen, so hatte zwar der schulische Alltag ein Ende, nicht aber die Bedürfnisse der Kinder. Von einem Tag auf den anderen mussten die Schülerinnen und Schüler zuhause bleiben und brauchten oftmals Hilfe, um dem Lehrplan auf Distanz folgen zu können. Die Schulen waren geschlossen, die Möglichkeiten für Schulkinder, ihre Not zu äussern und Hilfe zu erhalten, waren extrem eingeschränkt.

In dieser Zeit des Umbruchs suchte eine Frau mit ihren Kindern notfallmässig nach einer Unterkunft. Nach einigen Tagen der Erholung kehrte sie zu ihrem Partner zurück mit der Begründung, der Unterricht für die Kinder habe Priorität, und es sei zu schwierig, diese Herausforderung ausserhalb von zuhause zu bewältigen.

Auch die Straf- und Zivilverfahren waren vom Lockdown stark betroffen, so wurden zum Beispiel zahlreiche Anhörungen vertagt. Hatte eine Frau beispielsweise über ihre Anwältin eine offizielle Trennung (Eheschutzverfahren) beantragt, so fand die Gerichtsverhandlung mit bis zu drei Monaten Verspätung statt. Während dieser Zeit, in welcher das Paar bereits getrennt lebt, ist nichts geregelt, weder das Sorge- oder Besuchsrecht noch die finanziellen Fragen oder jene des Wohnorts. Eine unserer Klientinnen erlebte sogar die wiederholte Verschiebung ihrer Verhandlung, was sie finanziell in eine sehr prekäre Situation brachte.

Die hygienischen Vorschriften hatten sogar Auswirkungen auf die Abläufe der Anhörungen und Gerichtsverhandlungen: Ein Opfer häuslicher Gewalt hat normalerweise Anrecht auf die Begleitung einer Vertrauensperson, z.B. einer Opferhilfeberaterin, zu allen offiziellen Terminen. Eine unserer Klientinnen musste allerdings wegen der Personenbeschränkungen sogar auf dieses Grundrecht verzichten. Eine entsprechende Verhandlung bedeutet ohnehin Stress und Angst und Konfrontation mit vielen schweren Erlebnissen. In diesem Fall führte es dazu, dass die Klientin es vorzog, auf den Termin bei Gericht zu verzichten unter diesen Voraussetzungen, statt ihn lediglich zu verschieben.

 

Finanzielle Unabhängigkeit

Manche Frauen stellten für sich fest, dass sie keine andere Wahl hatten, als bei ihrem Partner zu bleiben, da sie keine Chance sahen, während des Lockdown eine Arbeit zu finden. Tatsächlich wurde die Perspektive dafür in verschiedenen Branchen äusserst düster, so z.B. in der Gastronomie, Privathaushalten, Putzinstituten oder bei der Sexarbeit. Hinzu kommt, dass viele Frauen eine Anmeldung beim Sozialdienst fürchten oder ausschliessen, da sie ansonsten riskieren, ihre Aufenthaltsbewilligung zu verlieren.

All diese Erfahrungen, sowohl auf der ambulanten Opferhilfe-Beratungsstelle als auch im Frauenhaus zeigen auf, dass Opfer häuslicher Gewalt mit Corona vor eine doppelte Herausforderung gestellt waren. Der Stress ist enorm gross. Jede Betroffene versucht, das Beste daraus zu machen, ihre Prioritäten zu setzen und sich irgendwie an die Umstände anzupassen. Manche entscheiden zuhause zu bleiben, während andere es wagen, ihr Zuhause zu verlassen, um dann doch manchmal wieder - aus Angst vor der ungewissen Zukunft - nachhause zurückzukehren.

 

Die Gelegenheit, rauszukommen

Das war es für Frau V., welche wegen der Coronakrise nicht mehr in ihrem Unternehmen arbeiten konnte. Mit einer 80%-Anstellung verbrachte sie plötzlich ganz viel Zeit zuhause mit ihren Kindern. Ihr Ehemann, der nur sehr niedrigprozentig arbeitete, verbrachte seine Tage weiterhin vor dem Fernseher, während sie sich um Haushalt und Kinder kümmerte. Dies öffnete ihr die Augen: Sie realisierte, dass sie diese Beziehung nicht länger ertragen wollte, die längst geprägt war von permanenter Kontrolle und Drohungen. Endlich konnte sie sich Zeit nehmen, erste Schritte in diese Richtung zu unternehmen, mit einem Anwalt und auch mit unserer Institution Kontakt aufzunehmen. Sie musste sich sehr geschickt anstellen dabei, damit sie sicher sein konnte, dass ihr Mann nichts davon merkte, beispielsweise als sie einen Arzttermin wahrnahm, um die Spuren der körperlichen Gewalt dokumentieren zu lassen. Ihr Mann fragte sie aus, wo sie gewesen sei und warum sie so spät komme, für sich aber wusste sie, dass sie dabei war, sich einen Weg in die Freiheit zu bahnen. Als die Grenzen wieder geöffnet wurden, unternahm ihr Ehemann eine Reise in sein Herkunftsland. Diesen Moment nutzte Frau V., um mit ihren Kindern das Haus zu verlassen, sich in Sicherheit zu bringen und die Trennung einzuleiten.

Frau V. ist sich bewusst, dass sie Glück hatte, da sie jederzeit auf ihre vielfältigen Ressourcen zählen konnte, um die Kraft zu haben, den schwierigen Weg aus einer gewaltsamen Beziehung zu schaffen. Sie hatte bereits vor der Heirat gearbeitet und trug auch während der Ehe den grösseren Anteil an das Haushaltseinkommen bei. Sie war sich also ziemlich sicher, dass sie es auch in Zukunft schaffen würde, für sich und ihre Kinder zu sorgen und gleichzeitig Geld zu verdienen. Sich aus einer so schädlichen Beziehung zu befreien braucht extrem viel Mut und Kraft, dennoch ist es für finanziell unabhängige Frauen mit einem unterstützenden Umfeld ungleich viel leichter als für Frauen, welche materiell komplett abhängig sind von ihren Ehemännern.

 

Die Quadratur des Kreises

Die Lebensumstände der von Gewalt betroffenen Frauen sind sehr unterschiedlich, sehr vielen aber fehlen die finanziellen Ressourcen oder der familiäre Rückhalt. Die Coronakrise kam als weiterer erschwerender Faktor hinzu. Die Frauen, welche wir im Frauenhaus unterbringen konnten, unterstützten wir in ihrer Alltagsbewältigung und deren Kinder beim Fernunterricht. Jedoch müssen wir auch immer wieder auf andere Unterkünfte wie Hotels oder Pensionen zurückgreifen, wenn unser Haus voll ist. Davon sind jährlich ca. 40 Frauen betroffen. Mit dem Ausbruch von Covid wurde es auch schwieriger, diese Notunterkünfte zu organisieren, umso mehr natürlich, wenn der Verdacht auf eine Ansteckung bestand oder eine Frau gar positiv auf Corona getestet worden war. Ein Obdach für solche Frauen zu finden, wurde zu einem wahren Marathon.

Trotz der Solidarität der Bieler Institutionen fehlt es an Ressourcen, so, dass wir die Beratung und Begleitung von extern untergebrachten Frauen und Kindern leider auf ein Minimum reduzieren müssen. Im Sinne der Betroffenen hoffen wir sehr, dass wir uns diesen sehr speziellen Herausforderungen weiterhin stellen können und wir eine Möglichkeit finden werden, den durch die Coronakrise entstandenen Mehraufwand zu decken.

Dt. Übersetzung des in der Zeitschrift «REISO» erschienenen Artikels vom 3. Dezember 2020:

 «Confinement et violences ne font pas bon ménage», REISO, Revue d'information sociale, mis en ligne le 3 décembre 2020, https://www.reiso.org/document/6715